Helfende Hände, wo seid ihr? An der Ahr werdet ihr dringend gebraucht!

Das Ahrtal braucht dich: In Altenburg, einem Stadtteil von Altenahr, sind nur acht von 158 Häusern verschont geblieben. Auch zwei Monate später ist die Zerstörung noch immer deutlich sichtbar.Foto: Schulte Renger

Rheine

Rheine / Ahrtal. Mit einem Teller Kesselgulasch in der Hand stehe ich am Essenszelt, dem aktuellen Treffpunkt der Dorfgemeinschaft. Während ich meine Mittagsportion hungrig verschlinge, nehme ich aus den Augenwinkeln heraus neben mir zwei Frauen wahr, die bange Blicke zum Himmel werfen. Als der nur zehn Minuten andauernde Platzregen einsetzt, beginnen die Hände vieler Menschen um mich herum zu zittern.

Ein Regenschauer. Für mich als Münsterländerin ganz normal. Aber ich war in jener Nacht vom 14. auf den 15. Juli auch nicht im Ahrtal. In der Nacht, in der Hunderte Gebäude zerstört, Menschen obdachlos oder gar von den Fluten fortgerissen wurden.

Natürlich hatte ich die Bilder im TV gesehen. Aber erst jetzt, als freiwillige Helferin vor Ort, kann ich annähernd erahnen, was hier geschehen sein muss. 13 Tage war ich bis heute im Ahrtal im Einsatz, habe Schutt weggeschleppt, Putz abgestemmt, Parkett rausgerissen, mit Menschen gesprochen, ihnen zugehört. Und auch jetzt, acht Wochen nach der Katastrophe, sieht es in manchen Orten noch immer aus wie nach einem Krieg ohne Bomben.

„Nichts ist mehr wie es wahr“

Allein im Landkreis Ahrweiler leben rund 56.000 Menschen entlang der Ahr. 42.000 von ihnen sind vermutlich von der Flut betroffen, 17.000 haben Hab und Gut verloren oder mit erheblichen Schäden zu kämpfen. 133 Menschen hat die Flut als Opfer gefordert, 3 Menschen werden noch heute vermisst.

Zahlen – nichts als Zahlen? Stimmt. Daheim vor dem Fernseher lassen sie einen kurz erschüttert aufseufzen, bevor es dann auf dem kuscheligen Sofa weitergeht mit dem gemütlichen Filmabend. Doch hier – in Altenahr-Altenburg, Marienthal, Bad Neuenahr, Ahrweiler, Dernau oder auch Mayschoß – bleibt es nicht bei nackten Zahlen. Hier lerne ich die Menschen dahinter kennen und bekomme (denn auch das gehört zu den Erfahrungen, die Helfer im Ahrtal sammeln) ihre Erlebnisse erzählt. Ich erfahre zum Beispiel vom Schicksal des Mannes, der stundenlang neben seiner Frau auf einem Tisch im obers­ten Stockwerk ausharren musste. Er überlebte – seine Frau musste sterben, weil sie den Kopf nicht mehr über Wasser halten konnte, das gnadenlos angestiegen war. Oder vom Schicksal des jungen Mannes, der im ersten Stock des Hauses lebte, in dem seine Eltern die unters­te Etage bewohnten. Als das Wasser kam, rannte er runter, um seine Eltern zu retten. Die Familie schaffte es aufgrund des Wasserdrucks aber dann nicht mehr, die Türen zu öffnen. Alle drei ertranken.
Wer nicht dabei gewesen ist, der wird sich das Grauen der Betroffenen, nicht zu wissen, wie hoch das Wasser noch steigen wird, wohl kaum ausmalen können. Er wird nicht nachvollziehen können, wie schlimm es sein muss, seine Nachbarn schreien zu hören, immer wieder, bis sie letztlich verstummen.

Auch ich kann das nicht. Was ich aber kann: Ich kann helfen. Der Wunsch, sich nützlich zu machen, manifes­tierte sich ziemlich schnell, denn erst im letzten Jahr bin ich durch die Eifel gewandert und habe in jedem Ort unglaubliche Gastfreundschaft erfahren dürfen.

Helfen – aber wie?

Zunächst kaufte ich übers Internet einige Flaschen Flutwein. Doch ich hatte das Gefühl, wesentlich mehr tun zu können. Aber einfach so ins Ahrtal fahren, ohne Plan, ohne große Ortskenntnis? Das schien mir nicht sinnvoll zu sein. Und dann stieß ich auf den Helfer-Shuttle in Grafschaft-Ringen; unmittelbar an der A61 auf den Wiesen vor der Firma Haribo.

Helfer-Shuttle: Auch du kannst helfen, denn hier wird immer noch jede Hand gebraucht!

Auf diesem Gelände ist dank Marc und Thomas eine rein ehrenamtlich organisierte Zeltstadt entstanden, von der aus Busse und Sprinter die freiwilligen Helfer in die verschiedenen Orte entlang der Ahr bringen. Betroffene können Helfer anfordern, die je nach Können eingesetzt werden. Die Aufträge verändern sich, je nach Fortschritt der Arbeiten. Aber Bauschutt schleppen, aufräumen, Putz stemmen (ja, sogar ich als Frau habe das gelernt), Parkett herausreißen, Kaffee ausschenken, Brötchen schmieren, Essen ausgeben, den Garten von angeschwemmtem Unrat befreien – irgend­etwas davon kannst du sicher auch! Arbeitsmaterial ist vor Ort; Schutzkleidung auch. Obwohl es immer gern gesehen ist, wenn du selbst FFP3-Maske, Sicherheitsschuhe, Geräte oder Ähnliches mitbringen kannst, kannst du dich zur Not auch gratis vor Ort mit allem eindecken. Wichtig: Zieh alte Klamotten an, die dreckig werden dürfen. Ein wenig Verpflegung kann auch nicht schaden, auch wenn es in den Einsatzorten meistens Verpflegungsstellen gibt. Und das Faszinierende dabei: Du magst abends noch so großen Muskelkater haben, trotzdem fühlst du dich gut nach einem solchen Tag. Oft bist du sogar mit Fremden hinuntergefahren und die Menschen, die auf dem Weg zurück wieder mit dir im Bus sitzen, sind zu Freunden geworden. Anschließend kannst du dich am Camp stärken, duschen und sogar im mitgebrachten Zelt oder Camper übernachten. Marc oder Thomas berichten davon, was an diesem Tag im Ahrtal bewegt werden konnte. Übrigens: Auch heute, acht Wochen nach der Flut, werden immer noch Häuser freigegeben, die jetzt erst betreten und entkernt werden dürfen. Alle weiteren Infos sowie Bedarfslisten gibt es auf www.helfer-shuttle.de.

Anmelden musst du dich übrigens auch nicht. Einfach hinfahren und den Wagen parken! Hier die Adresse fürs Navi: Carl-Bosch-Straße 11, 53501 Grafschaft. (zirka 2,5 bis 3 Stunden vom Kreis Steinfurt entfernt).

Bringt die Hoffnung zurück ins Ahrtal!

Die Geschichten, die ich bis heute gehört habe, sind Geschichten, die mir Schauer über den Rücken jagen. Aber: Sie wollen erzählt werden. Nicht nur, damit sie verarbeitet werden können. Sondern auch deshalb, damit sie noch mehr Menschen anziehen, die mithelfen möchten. Mithelfen beim Wiederaufbau einer zerstörten Region, die früher idyllischer nicht hätte sein können. Denn jeder kann hier aktiv werden, jede helfende Hand zählt. Und helfende Hände bieten nicht nur tatkräftige Unterstützung. Sie zaubern auch so manches Mal ein Lächeln in die Gesichter jener Menschen, die in der Nacht der Katastrophe so vieles verloren haben. Helfende Hände bringen den Menschen im Ahrtal den Mut zurück, die Hoffnung. Die Hoffnung darauf, dass ihre Heimat wieder auferstehen wird. Deshalb: Hilf mit, pack mit an! Jeder wird gebraucht; jede Hilfe ist kostbar. Und für jeden wird die passende Aufgabe gefunden. Egal, ob für einen Tag oder eine Woche: Gib dir einen Ruck, lebe die „SolidAHRität“. Allein oder als Gruppe – alles ist möglich! Eine schönere Belohnung als das Lächeln eines Betroffenen, der wieder ein kleines bisschen Mut gefasst hat und in dessen Augen ein wenig Hoffnung aufflammt, gibt es kaum.
Und wenn die Hilfsbereitschaft jetzt nicht abbricht, das Ahrtal nicht vergessen wird – wer weiß: Vielleicht wandere ich ja in nicht allzu ferner Zukunft erneut durch ein zwar anderes, aber auch wieder idyllisches Ahrtal. Mit lächelnden Einwohnern, die am zweiten Juli-Wochenende ein riesiges Weinfest entlang der Ahr – eine Art „We Ahr Family“-Fest in Erinnerung an den Wiederaufbau? – mit uns feiern können.

Geld-und Sachspenden

Du möchtest das Ahrtal anderweitig unterstützen? Der Helfer-Shuttle hat auf Amazon eine Wunschliste (https://www.amazon.de/hz/wishlist/ls/1CC8RMBVV0B7U) zusammengestellt, auf der Dinge zu finden sind, die dort und im Tal ganz praktisch gebraucht werden. Du kannst ein beliebiges Teil in den Warenkorb legen, bezahlen und es wird automatisch ans Camp geschickt.
Aber auch eine klassische Geldspende ist möglich. Der Verein Herzenssache etwa sammelt für betroffene Kinder, Jugendliche und Familien (Spendenkonten: Sparda-Bank Südwest, IBAN: DE63 5509 0500 0000 0000 33, BIC: GENODEF1S01 oder Sparda-Bank, Baden-Würt­temberg, IBAN: DE59 6009 0800 0000 0000 33, BIC: GENODEF1S02, Spenden-Stichwort: „Hochwasserkatastrophe“). Wer direkt die Verbandsgemeinde Altenahr unterstützen möchte, spendet auf dieses

Konto:
Betreff: „Katastrophenhilfe Altenahr“
Kreissparkasse Ahrweiler
IBAN: DE45 5775 1310 0000 2000 30
BIC: MALADE51AHR

von Iris Schulte Renger

Oben: Türzargen, Türen, Parkett: Alles muss an diesem Nachmittag in Walporzheim aus dem ersten Stock eines Hauses entfernt werden – sieben Wochen nach der Flut. Unten: Eisenbahnbrücke bei Altenburg, die noch heute erahnen lässt, mit welcher Kraft die Wassermassen wüteten. Fotos: Schulte Renger

Links: Thomas vom Helfer-Shuttle, der gemeinsam mit Mitinitiator Marc unter anderem dafür gesorgt hat, dass sogar Frauen in den Baumarkt gefahren sind, um sich Werkzeug zum Abstemmen von Putz zuzulegen (Mitte und rechts).Fotos: Schulte Renger / Friesen


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