Rheine. Im Rahmen der Europäischen Aktionswochen „Für eine Zukunft nach Tschernobyl und Fukushima“ hatte die Abendrealschule Rheine am Mittwoch (27. April) Sergej Romantschenko aus der Ukraine zu Gast, der vor 30 Jahren im Kernkraftwerk Tschernobyl als Bauingenieur arbeitete. Als Dolmetscher agierte Isak Margolin von der Universität Minsk.
Romantschenko berichtete von den Ereignissen im April 1986, die zunächst bei ihm Ungläubigkeit, dann Schrecken und Angst und letztlich eine große Traurigkeit auslösten. Er lebte damals mit seiner Familie in der Stadt Pripjat, nur zwei Kilometer von der Unglücksstelle entfernt. Die Nachricht von der Explosion im Kernkraftwerk, die ihn glücklicherweise zu Hause erreichte, hielt er für einen Scherz, da man in der ehemaligen Sowjetunion von der Unfehlbarkeit der Technik überzeugt gewesen war. Ein Blick auf das Chaos in den Straßen der Stadt zeigte ihm sofort, dass tatsächlich etwas Schreckliches passiert sein musste. Romantschenko konnte seine Familie selbst aus der Gefahrenzone zu Freunden in Kiew evakuieren. Die Bevölkerung wurde über die Katastrophe und ihre schrecklichen Auswirkungen nur unzureichend informiert.
Er selbst kehrte ein paar Tage später als einer von gut 600.000 Liquidatoren nach Tschernobyl zurück. Die Liquidatoren wurden aus der Armee und der Reserve der gesamten Sowjetunion rekrutiert, um die Folgen der Havarie zu beseitigen. Wie gefährlich die Arbeit der Liquidatoren war, wussten sie nicht, denn auch hier gab es keine Aufklärung über die Gefahren der Strahlung. Die freigesetzte Radioaktivität lag teilweise zehntausendfach über dem Wert der natürlichen Radioaktivität. Heute wissen wir, dass etwa 75 Prozent der Liquidatoren den Einsatz mit ihrem Leben bezahlen mussten und die Überlebenden ihre Gesundheit verloren.
„Auch das Herz schmerzt immer noch, wenn man sich an jene Zeit zurückerinnert“, so Romantschenko. Heute ist er Mitglied einer Organisation, die sich für die gesellschaftliche Anerkennung der Liquidatoren durch höhere Renten und für Sozialprogramme für Tschernobylgeschädigte in der Ukraine einsetzt. Die Europäischen Aktionswochen wurden vom Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk ins Leben gerufen, um die Erinnerungen an die Katastrophe nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Neben dem Gedenken steht die Mahnung an die Verantwortlichen.
Die Schüler der Abendrealschule folgten gebannt den Ausführungen des Zeitzeugen und stellten im Anschluss viele Fragen. „Mit einem lebenden Menschen zu reden, ist viel beeindruckender, als in einem Geschichtsbuch zu lesen“, meinten die größtenteils unter 30-Jährigen, denn „ein Augenzeuge erzählt die Wahrheit, wie er sie erlebt hat“. Die Abendrealschule wird auch in den nächsten Jahren jungen Menschen die Gelegenheit zum Austausch geben und im naturwissenschaftlichen Unterricht über die Gefahren der Atomkraft aufklären sowie Möglichkeiten regenerativer Energieträger aufzeigen.
