Rheine. 15 Dscheladas oder Blutbrustpaviane reisten in den vergangenen Tage aus Rheine in verschiedene Zoos in Frankreich, den Niederlanden und Italien. Es handelt sich dabei um die umfangreichste Abgabe dieser in Zoos seltenen Affenart in der Geschichte ihrer Haltung im NaturZoo.
Diese begann in den frühen 80er Jahren mit zehn Tieren, die aus verschiedenen europäischen Zoos zusammengesucht worden waren und in Rheine in einer neuen Anlage ein für damalige Verhältnisse neuartiges und auf die Biologie der Tiere abgestimmtes Gehege ein ideales Zuhause erhielten.
Anfang der 90er begründete der NaturZoo das Europäische Erhaltungszuchtprogramm (EEP) für Dscheladas, das seither von Zoodirektor Achim Johann koordiniert wird. Zu Beginn wurden gerade einmal 56 Dscheladas in sieben europäischen Zoos in Europa gehalten. Durch das „Zucht-Management“, die Zusammenarbeit und stetige Haltungsverbesserungen ist der Bestand auf heute über 350 Tiere in 22 Zoos in Europa und in New York angewachsen und gilt als „gesichert“ für die Zukunft.
Bis vor wenigen Tagen lebten alleine im NaturZoo 76 Dscheladas. Dies war der mit Abstand größte Bestand, der jemals in einem Zoo gehalten wurde. Das Verhalten der Tiere in einer solch großen Gruppe entspricht den natürlich Verhältnissen, aber die Gehegestruktur hat unter dem „Populationsruck“ arg gelitten. Zudem stellt eine solche Konzentration von Tieren an einem Ort ein Risiko für ein Zuchtprogramm dar: Im Fall einer seuchenartigen Erkrankung wäre ein Fünftel des Zoobestandes weltweit bedroht.
Es war also höchste Zeit für eine Umstrukturierung und die Abgabe von Tieren geworden. Gleich sechs Zoos traten als zukünftige Halter in diesem Jahr dem Dschelada-EEP bei. Für den NaturZoo bedeutete die Abgabe von 15 Tieren einen beträchtlichen logistischen Aufwand. Zunächst mussten alle Dscheladas gefangen, kontrolliert und gegebenenfalls markiert werden, um sicherzustellen, dass unter Berücksichtigung der sozialen Beziehungen auch die „richtigen“ Tiere aus den Gruppen separiert werden. Der Tierarzt musste Gesundheitschecks und -tests durchführen, und mit professionellen Tierspediteuren wurden Ausstattungen der Fahrzeuge und Anzahl und Größe der Transportkisten verabredet.
Und so verließen in den vergangenen Tagen zwei junge Dschelada-Männer Rheine nach Nesles in Frankreich, wo sie mit Weibchen aus Stuttgart eine neue Zucht begründen sollen. Eine ganze Haremsgruppe aus einem erwachsenen Mann, drei Weibchen und ihren drei Kindern zog in den Zoo Rotterdam in den Niederlanden um.
Sechs Männer reisten schließlich in den Parco Natura Viva in Bussolengo in der Nähe des Garda Sees, darunter der stattliche „Dominick“. Dieser war im Jahr 2008 aus dem Bronx-Zoo New York in Rheine angekommen und bedeutete damals „frisches Blut“ für den europäischen Dschelada-Bestand. Nach sage und schreibe 26 lebenden Nachkommen war es nun höchste Zeit, dass Dominick Platz machte für einen neuen Zuchtmann. Fortan lebt er also in Norditalien zusammen mit fünf seiner Söhne in einer Junggesellengruppe. Seine Nachfolge werden zwei junge Männer aus dem Tierpark Berlin antreten, die in den nächsten Wochen erwartet werden. Mit derzeit „nur“ noch 61 Dscheladas lebt übrigens immer noch der größte Bestand dieser Art in allen Zoos weltweit in Rheine.
