Hope – 620 Gramm Hoffnung

Foto: Katzenhilfe

Tierwelt

Kreis Steinfurt. Manche Einsätze hinterlassen Bilder, die selbst erfahrene Tierschützer niemals vergessen. Der Fund der kleinen Katze Hope Anfang Juni auf einem verlassenen Gelände im Kreis Steinfurt gehört dazu, bericjhtet die Katzenhilfe Rheine jetzt in einer Pressemitteilung. 

Ehrenamtliche Helfer der Katzenhilfe Rheine waren einem Hinweis nachgegangen, wonach sich auf einem brachliegenden Areal zwischen verrosteten Stahlträgern, überwucherten Wegen und seit Jahren dem Verfall preisgegebenen Gebäuden eine Katzenmutter mit ihren Jungen aufhalten sollte. Das weitläufige und verwinkelte Gelände mit seinen zahlreichen Versteckmöglichkeiten erschwerte die Suche erheblich. Immer wieder spielten die Helfer Aufnahmen von Kittenlauten ab, in der Hoffnung auf eine Antwort.

Wie alle Einsätze der Katzenhilfe Rheine erfolgte auch dieser ausschließlich im Ehrenamt. Die Helferinnen und Helfer engagieren sich neben ihren Vollzeitberufen, investieren ihre Freizeit und verzichten auf freie Abende und Wochenenden, aus Überzeugung und aus Verantwortung gegenüber Tieren, die sonst oft keine Chance hätten.

Schließlich war ein leises Miauen zu hören, schwach, kaum wahrnehmbar, aber eindeutig. Meter für Meter arbeiteten sich die Ehrenamtlichen vor, leuchteten jeden Winkel aus und suchten zwischen Gestrüpp, Mauern und den Überresten einer längst vergangenen Nutzung. Dann machten sie einen Fund, der sie tief erschütterte.

In einem Schacht lagen drei tote Kitten. Während des Unwetters, das zuvor über die Region gezogen war, waren sie in die wassergefüllte Vertiefung geraten und ertrunken. Eine Möglichkeit, aus eigener Kraft wieder herauszugelangen, hatten sie nicht.

Eng an ihre toten Geschwister gedrängt saß noch ein viertes Jungtier, durchnässt, zitternd und voller Angst. Als die Helfer es erreichten, reagierte die kleine Katze panisch, fauchte und setzte sich mit allem zur Wehr, was ihr geblieben war. Einen Ausweg gab es für sie nicht. Aus eigener Kraft hätte sie den Schacht nicht mehr verlassen können. Wäre sie nicht rechtzeitig entdeckt worden, hätte auch sie dieses Unglück nicht überlebt. Heute trägt sie einen Namen: Hope. 620 Gramm Hoffnung, 620 Gramm Überlebenswille und 620 Gramm Leben, das nur knapp demselben Schicksal entgangen ist wie ihre Geschwister. Auch das Schicksal der Katzenmutter blieb zunächst ungewiss. Stundenlang warteten die Helfer darauf, dass sie zurückkehren würde. Erst am Abend des 5. Juni kam die erlösende Nachricht: Die Mutterkatze, die inzwischen den Namen Maleika trägt, war in eine Lebendfalle gegangen und konnte gesichert werden. Von Erleichterung war bei ihr zunächst wenig zu spüren. Maleika zeigte sich verängstigt, misstrauisch und traumatisiert. Jede Bewegung und jedes Geräusch versetzten sie in Alarmbereitschaft, als müsse sie jederzeit mit einer neuen Gefahr rechnen. Was diese Katzenmutter in den vergangenen Wochen erlebt haben muss, lässt sich nur erahnen: die tägliche Suche nach Nahrung, das Leben auf einem verlassenen Gelände und schließlich der Verlust von drei ihrer Jungen. Sie muss ihre Rufe gehört, ihre Verzweiflung wahrgenommen und dennoch machtlos gewesen sein.

Die Bilder dieses Einsatzes bleiben und sie schmerzen. Vor allem deshalb, weil diese Tragödie vermeidbar gewesen wäre. Eine einfache Ausstiegshilfe, ein Brett oder eine Rampe hätten möglicherweise genügt, um den Tieren den Weg aus dem Schacht zu ermöglichen. Inzwischen wurde die Gefahrenstelle dauerhaft gesichert, sodass dort künftig kein Tier mehr in diese tödliche Falle geraten kann.

Doch die Geschichte von Hope erzählt auch von einem größeren Problem. Sie macht deutlich, wie wichtig ein verantwortungsvoller Umgang mit freilebenden Katzenpopulationen ist. Im Kreis Steinfurt gilt bereits seit 2021 eine Kastrationspflicht für freilaufende Katzen. Sie wurde eingeführt, um unkontrollierte Vermehrung, Tierleid und das Schicksal unzähliger herrenloser Tiere zu verhindern. Denn hinter jeder unkastrierten Katze können weitere Würfe stehen. Weitere Kitten, die verborgen geboren werden, auf Industriebrachen, in Ruinen, auf verlassenen Grundstücken oder an Orten, die Schutz versprechen und doch voller Gefahren sind. Hope hatte Glück. Ihre Geschwister hatten es nicht. Heute entwickelt sich die kleine Katze gut. Doch die Erfahrungen ihrer ersten Lebenswochen haben Spuren hinterlassen. Anfangs reagierte sie auf Menschen ausschließlich mit Angst, fauchte, zitterte und hielt Abstand zu allem, was ihr fremd war. Langsam lernt sie nun, dass sie nicht mehr kämpfen muss, dass Menschen auch Sicherheit bedeuten können, dass Futter regelmäßig kommt und dass Wärme, Geborgenheit und Fürsorge bleiben dürfen. Aus einer Geschichte voller Schmerz ist zumindest für Hope und ihre Mutter Maleika ein kleines Happy End geworden. Drei kleine Leben jedoch bleiben unvergessen. Ihre Geschichte ist Mahnung und Auftrag zugleich. Freilebende Katzen sollten gemeldet, Kastrationen unterstützt und potenzielle Gefahrenquellen wie Schächte, Wasserbecken, Regentonnen, Pools oder Teiche gesichert werden. Denn manches Leid ist unvermeidbar. Dieses jedoch war es nicht. Und genau deshalb dürfen wir nicht wegsehen.


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