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Do, Sep

Rain Man: Das Porträt eines außergewöhnlichen Menschen

Foto: privat

Filmfutter

Vor über dreißig Jahren machte der mehrfach ausgezeichnete Film Rain Man die Öffentlichkeit auf ein Phänomen aufmerksam, das bisher nur wenigen Menschen bekannt war: Die sogenannte Inselbegabung (auch das Savant-Syndrom genannt) bezeichnet eine außergewöhnliche Teilleistungsstärke, die zurzeit nur bei 100 Menschen weltweit diagnostiziert wurde.

Obwohl Betroffene eine Entwicklungsstörung oder Behinderung aufweisen, sind sie in kleinen Teilbereichen des Lebens hochbegabt und weisen fast übermenschliche Fähigkeiten auf.

Für sein bewegendes Porträt des Inselbegabten Raymond Babbitt, erhielt Dustin Hoffman im Jahr 1988 einen Academy Award für den besten Schauspieler des Jahres.

Rain Man wurde außerdem in drei weiteren Kategorien mit dem hoch angesehenen Filmpreis ausgezeichnet. Und das aus gutem Grund: Der Film schaffte es nicht nur, Toleranz und Verständnis für die Außenseiter unserer Gesellschaft zu fördern, sondern überzeugte auch mit seiner einfühlsamen Darstellung zweier Brüder, die trotz großer Hindernisse zueinander finden.

Die Handlung

Charlie Babbitt, ein selbstverliebter und verschuldeter Autohändler, erfährt vom Tod seines verwitweten Vaters. Seine Reaktion ist zunächst emotionslos, da er aufgrund eines Streits schon vor vielen Jahre jeglichen familiären Kontakt abgebrochen hat. Nach der Beerdigung in Cincinnati wird Charlie eröffnet, dass er lediglich die preisgekrönten Rosenbüsche und den Buick seines Vaters erbt, während die stattliche Summe von drei Millionen Dollar einem Unbekannten zuteilwird. Empört von seinem mageren Erbe, macht Charlie den mysteriösen Begünstigten ausfindig, um seinen Anteil einzufordern. Seine Suche führt ihn zu seinem älteren autistischen Bruder Raymond, von dem Charlie bisher nichts wusste.

Um an seine Hälfte des Gelderbes heranzukommen, entführt Charlie seinen Bruder Raymond kurzerhand aus einer Klinik und nimmt ihn nach Kalifornien mit. Auf der langen Autofahrt lernen sich die beiden Brüder zum ersten Mal kennen. Schnell wird dem unvorbereiteten Charlie klar, dass Raymond selbst für die einfachsten Alltagshandlungen Hilfe benötigt. Auf der Reise bemerkt er aber auch, dass sein Bruder außergewöhnliche kognitive Fähigkeiten hat. Beeindruckt von Raymonds Erinnerungsvermögen und Kopfrechnen, fährt Charlie auf einem Umweg nach Las Vegas und setzt Raymond in einem Black Jack-Kartenspiel ein. Genau wir vermutet, meistert Raymond die Herausforderung wie im Schlaf und gewinnt eine große Geldsumme, die die Schulden seines Bruders begleicht.

Charlie, der bisher nur finanzielle Absichten hatte, baut während der Reise eine ungeahnte emotionale Bindung zu seinem Bruder auf. Als er während einer Übernachtung ein Familienfoto findet, das Raymond mit sich herumträgt, erinnert er sich plötzlich an seinen großen Bruder, den er als Kleinkind liebevoll „Rain Man“ nannte. Da Raymond aufgrund seiner Panikattacken eine Gefahr für den damals dreijährigen Charlie darstellte, brachten ihn die Eltern in ein Pflegeheim und sprachen nie wieder über ihn. Charlie fühlt eine tiefe Verbundenheit zu seinem Bruder und beschließt, seine Vormundschaft zu übernehmen. Da auch die Klinik ein großes Interesse daran hat, Raymond zu behalten, bietet sie Charlie 250.000 Dollar, die er sofort ablehnt. Während eines Gesprächs mit einem Psychologen wird jedoch klar, dass Raymond viel mehr Unterstützung braucht als angenommen und in der Klinik besser aufgehoben wäre.

Der wahre Rain Main

Die erste Version des Rain Man-Drehbuchs basierte auf dem Fernsehfilm Bill, in dem US-Schauspieler Mickey Rooney einen geistig behinderten Mann spielte. Derselbe Drehbuchautor, Barry Morrow, lernte daraufhin den Inselbegabten Kim Peek aus Salt Lake City kennen, der mit seinen herausragenden Fähigkeiten sein Umfeld beeindruckte. Während viele Menschen versuchen, ihr Gedächtnis mit speziellen Übungen aktiv zu trainieren, fing Peek schon mit 16 Monaten an zu lesen und kannte im Alter von vier Jahren bereits acht Lexikon-Bände auswendig. Zur selben Zeit sah sich Schauspieler Dustin Hoffmann einen Dokumentarfilm über den autistischen Musiker Leslie Lemke an, der ihn zu Tränen rührte. Als Rooney ihm schließlich die Rolle des jüngeren Bruders Charlie anbot, bestand Hoffmann darauf, die Rolle des Inselbegabten Raymond zu übernehmen.

Rain Man gehört ohne Zweifel zu den jungen Klassikern unserer Zeit und sollte von keinem Filmliebhaber verpasst werden. Auch eingefleischte Dustin Hoffman-Fans kommen bei diesem Film voll auf ihre Kosten: Viele Kritiker bezeichnen Rain Man als Hoffmans größte und gelungenste schauspielerische Leistung. Der herausragende Künstler schaffte es, einen außergewöhnlichen und komplexen Menschen auf authentische und einfühlsame Art darzustellen. Rain Man war mit Sicherheit auch die Vorlage für ähnliche Produktionen, deren Hauptfiguren Menschen mit Autismus oder anderen geistigen Behinderungen verkörpern. Beispiele sind der im Jahr 2001 veröffentlichte Film I am Sam oder die Fernsehserien Atypical und The Good Doctor (von Dr. House-Drehbuchautor David Shore), die einem breiten Publikum Einblicke in das „normale Leben“ eines autistischen Menschen gewähren.


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