Der Fresh-Start-Effekt

Ein frohes Neues! Und die guten Vorsätze für 2026 nicht vergessen! Foto: pixabay

Lifestyle

Rheine (hp). Ein bemerkenswertes Phänomen: Am 31. Dezember um 23.59 Uhr sind wir noch Menschen mit „kleinen“ Schwächen, schlechten Gewohnheiten und einer ausgeprägten Vorliebe für fettige Snacks, Bier und Jägermeister. Zwei Minuten später sind wir felsenfest davon überzeugt, dass ab sofort alles an uns anders wird: sportlicher, ordentlicher, attraktiver, nüchterner, frühaufstehender und nichtrauchender.

Der Jahreswechsel ist der einzige Zeitpunkt, an dem wir kollektiv daran glauben, das Leben ließe sich mit zwölf Glockenschlägen, ein paar Gläsern Sekt und einer handvoll Böller neu starten.

Psychologen nennen das den „Fresh-Start-Effekt“. Klingt wissenschaftlich, bedeutet aber im Grunde ganz banal: Neue Zeitabschnitte fühlen sich an wie Neuanfänge. Und der Jahreswechsel ist unter den Zeitabschnitten der unbestrittene König der Neuanfänge. Kein Monatserster kann da mithalten, kein Geburtstag, kein neues Schuljahr. Allein der 1. Januar verspricht wirklich radikale Veränderung – und zwar ohne Rückfahrschein, ganz bestimmt!
Plötzlich stecken wir voller Pläne. Wir wollen mehr Sport treiben, weniger Zeit vor dem Bildschirm verbringen, gesünder essen, besser schlafen, pünktlich die Steuererklärung abgeben. Dass wir uns das schon für das abgelaufene Jahre vorgenommen hatten? Wird großzügig ignoriert. Oder eher vergessen, denn der feste Glaube an den Neustart ist stärker als jede Erinnerung an frühere Vorsätze.
Dabei ist der Jahreswechsel streng genommen auch nur irgendein Datum. Denn was hindert uns daran, an einem beliebigen Tag einen Vorsatz zu fassen und den sofort umzusetzen? Der große Zeiger an der Uhr schubst uns um Mitternacht nicht in ein besseres Leben, und auch die Waage zeigt am 1. Januar erstaunlicherweise das gleiche an wie am 31. Dezember. Und doch fühlt sich dieser Silvestermoment besonders an, vermutlich, weil es beruhigend ist, zumindest kurz dran glauben zu können, man habe sich im Griff.

Interessant ist: Dieser Optimismus hält teils erstaunlich lange an. Fitnessstudios sind nach dem Jahreswechsel noch wochenlang proppevoll, Diäten werden durchgehalten, die Kippen bleiben aus. Erst ab Februar, März setzt langsam die Erkenntnis ein, dass dauerhafte Veränderung viel Arbeit bedeutet – und dass Arbeit ungleich unbequemer ist als eine weiche Couch und schlechter schmeckt als Bier, Chips und Schokolade. Aber bis dahin durfte man hoffen. Und hoffen kostet ja nichts.

Und genau darin der Wert dieses alljährlichen Selbstbetrugs: Der Jahreswechsel zwingt uns nicht zur Veränderung, aber er erlaubt sie gedanklich. Er gibt uns ein paar Tage oder Wochen, in denen wir morgens im Spiegel einer besseren Version von uns die Zähne putzen. Auch wenn sich diese Version später dann doch als deutlich überambitioniert entpuppt.

Und darum ist der 1. Januar weniger ein Neustart als ein Versprechen. Nicht unbedingt an die Zukunft, sondern an uns selbst. Dass wir es zumindest versuchen wollen. Und wenn’s auch diesmal wieder nicht klappt mit den guten Vorsätzen, dann garantiert nächstes Jahr.

In diesem Sinne:Guten Rutsch!


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