Warum 12 Monate Fahrerkartenhistorie bei jedem Logistik-Deal auf den Prüfstand gehören

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Technik

Beim Verkauf von Logistik-Übernahmen müssen potenzielle Käufer oft auf Fuhrpark, Kundenverträge und Bilanzen schauen. Doch es gibt einen kritischen Bereich, der übersehen werden kann: die digitale Fahrerkartenhistorie. Schaut man hier als Kaufinteressent nicht genau hin, erwirbt man möglicherweise ein Unternehmen mit versteckten Bußgeldrisiken, drohenden Betriebsverboten oder einer Belegschaft kurz vor dem Burnout.

Bei der Risikominimierung helfen kann hierbei das systematische Fahrerkarte Auslesen über zwölf Monate hinweg. Dabei kann aufgedeckt werden, ob ein Transportunternehmen wirklich so sauber arbeitet, wie die Verkaufsunterlagen versprechen. Solche Daten können mehr über die wahre Verfassung eines Betriebs aussagen als jede Hochglanzpräsentation. In den nachfolgenden Abschnitten gehen wir auf die fünf Faktoren ein, auf die man bei dieser Prüfung nicht verzichten sollte.

Gesetzliche Aufbewahrungspflicht und Haftungsübergang

Transportunternehmen müssen Fahrerkartendaten laut Fahrpersonalverordnung (FPersV) und dem Arbeitszeitgesetz (ArbZG) längerfristig aufbewahren. Diese Gesetze sind eine wichtige Basis für eine gründliche Kaufprüfung. Denn je nach Land verjähren Bußgelder für Lenkzeitverstöße erst nach sechs bis zwölf Monaten. Bei schwerwiegenden Fällen kann das manchmal auch noch später sein.

Das Risiko für neue Eigentümer? Beim Kauf übernehmen sie faktisch das Risiko für noch nicht entdeckte Verstöße aus der Vergangenheit. So können Kontrollbehörden etwa auch Monate nach einem Verstoß noch Bußgelder verhängen, sollten sie bei routinemäßigen Prüfungen auf Unregelmäßigkeiten stoßen. Leider sind in einem solchen Fall die ursprünglichen Eigentümer dann oft nicht mehr greifbar oder haftbar.

Systematische vs. sporadische Verstöße erkennbar

Ein einzelner Monat mit Fahrerkartendaten ist keine aussagekräftige Information für Kaufinteressenten eines Logistikunternehmens. Der Grund: Es lässt sich erst über einen Zeitraum von zwölf Monaten hinweg erkennen, ob Lenkzeitverstöße statistische Ausreißer waren oder sie zum Geschäftsmodell gehören.

Die Sache sieht anders aus, wenn sich über mehrere Monate hinweg ein und dasselbe Muster abzeichnet. Wenn zum Beispiel immer vor Weihnachten Ruhezeiten ignoriert werden, es bei bestimmten Kunden regelmäßig schief läuft, oder dieselben Fahrer ständig ihre Lenkzeiten überschreiten, verrät das viel über die Unternehmenskultur. Die Gründe können vielfältig sein. Es fehlen entweder ausreichend Fahrer, die Tourenplanung funktioniert nicht, oder das Management drückt beide Augen zu.

Quantifizierbare Bußgeldrisiken und Rückstellungen

Je nach Schweregrad liegen die Bußgelder für Lenkzeitverstöße in Deutschland zwischen 100 und 5.000 Euro pro Einzelfall. Das kann sich bei systematischen Problemen schnell summieren. Handelt es sich um ein mittelgroßes Logistikunternehmen mit zwanzig Fahrern und monatlich fünf Verstößen (sechzig Vorfälle pro Jahr) muss man bei einem durchschnittlichen Bußgeld von 500 Euro mit 30.000 Euro potenzieller Nachforderungen kalkulieren.
Auch diese potenziellen Summen müssen in der Kaufpreisverhandlung berücksichtigt werden. Hat ein Kaufinteressent seine Hausaufgaben gemacht, bildet dieser entsprechende Rückstellungen oder verlangt Preisabschläge. Denkbar sind hierbei auch Escrow-Vereinbarungen, bei denen ein Teil des Kaufpreises für zwei Jahre zurückgehalten wird, sollte es noch zu Bußgeldbescheiden kommen.

Fahrerqualität und Fluktuationsrisiken

Blauäugig betrachtet könnten häufige Lenkzeitüberschreitungen wie ein Zeichen extrem motivierter Fahrer aussehen. Leider ist das nur in seltenen Fällen die Realität. Der wahre Grund sind oft chronischer Personalmangel oder eine katastrophale Tourenplanung. Die Folge von Fahrern, die regelmäßig über ihre Grenzen gehen, um Lieferfristen einzuhalten, ist Burnout. Kommt es nun zu einer Übernahme eines solchen Logistikunternehmens, gehören diese ausgebrannten Fahrer meist zu den ersten, die kündigen. Denn das bisherige Geschäftsmodell baute bisher auf deren Mehrarbeit.

Abgesehen von dem aktuellen Fahrermangel, was die Personalrekrutierung ohnehin schon schwierig macht, kostet es pro Position zwischen 5.000 und 15.000 Euro, um neue Berufskraftfahrer zu finden. In diesen Kosten sind Recruiting, Einarbeitung und Schulungen eingeschlossen. Durch diese Situation am Markt können leicht Monate vergehen, bis wieder eine Stelle besetzt werden kann. Für profitable Aufträge fehlen in dieser Zeit die Kapazitäten.

Behördliche Zuverlässigkeitsprüfung und Konzessionsrisiko

Um legal operieren zu dürfen, benötigt jedes Transportunternehmen eine Güterkraftverkehrserlaubnis. Auf eine solche Lizenz hin prüfen Verkehrsbehörden die Zuverlässigkeit und können bei schweren oder wiederholten Compliance-Verstößen eingreifen. Die Folge von Verstößen reicht von offiziellen Auflagen über intensivere Kontrollen bis zum kompletten Lizenzentzug.

Leider schützt auch hier ein Eigentümerwechsel nicht vor den Konsequenzen vergangener Verstöße. Decken die Behörden nach der Übernahme systematische Lenkzeitverstöße aus der Vergangenheit auf, ist die Betriebserlaubnis unter der neuen Führung schnell in Gefahr. Im schlimmsten Fall hat der Investor ein Logistikunternehmen gekauft, ohne mit ihm geschäftstätig werden zu können. Das wäre der ultimative Investoren-Albtraum.

Auch hier hilft wieder das Überprüfen der Fahrerkartenhistorie von zwölf Monaten. Dabei können Investoren genau sehen, wie ernst das bisherige Management Compliance genommen hat. Häufen sich schwere Verstöße, sollten die Alarmglocken angehen. Wer ein Unternehmen mit gefährdeter Konzession kauft, erwirbt faktisch eine tickende Zeitbombe unter dem gesamten Geschäftsmodell.


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