Zwischen Januar und Juli 2026 gingen in Deutschland 587 neue Windkraftanlagen mit einer Leistung von 3.948 Megawatt ans Netz – ein Plus von 53 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Für sich genommen ist das eine der stärksten Wachstumszahlen, die der deutsche Windmarkt seit Jahren vorzuweisen hat.
Wer allerdings genauer hinschaut, findet zwei sehr unterschiedliche Geschichten hinter dieser einen Zahl.
Zwei Sektoren, zwei Tempi
Onshore wuchs die neu installierte Leistung in den ersten sieben Monaten 2026 um 495 Anlagen mit 2.755 Megawatt, ein Plus von rund 7 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Solide, aber kein Ausreißer. Offshore dagegen verzeichnete einen regelrechten Sprung: 92 neue Turbinen mit rund 1.194 Megawatt gingen ans Netz – nachdem im gleichen Zeitraum des Vorjahres praktisch keine einzige Offshore-Anlage einen Netzanschluss fand. Nahezu die gesamte neue Leistung stammt aus den beiden weit fortgeschrittenen Windparks Borkum Riffgrund 3 und EnBW He Dreiht – hinzu kamen zwei weitere Turbinen im Nordseecluster 1.
Dass Onshore und Offshore derart unterschiedlich wachsen, liegt weniger an unterschiedlicher Nachfrage als an unterschiedlichen Bauzyklen. Einzelne Onshore-Turbinen lassen sich vergleichsweise schnell errichten und gehen deshalb über das Jahr verteilt kontinuierlich ans Netz. Offshore-Windparks brauchen dagegen Jahre an Planung und Bau, sodass ihre Kapazität nicht laufend, sondern in großen Schüben hinzukommt, sobald ein Projekt die Fertigstellung erreicht – wie aktuell bei Borkum Riffgrund 3 und EnBW He Dreiht zu beobachten.
Was hinter dem Onshore-Plus von 7 Prozent steckt
Der Blick auf die Bruttozahlen allein greift dabei zu kurz. Neben den 495 neu installierten Onshore-Anlagen wurden im selben Zeitraum 345 ältere neuen Onshore-Kapazität mit 496 Megawatt stillgelegt, deutlich mehr als im Vorjahreszeitraum. Zieht man beides voneinander ab, bleiben real nur 150 zusätzliche Anlagen und ein Leistungszuwachs von 2.258 Megawatt übrig – gerechnet auf die Leistung ein Plus von rund 3, nicht 7 Prozent. Ein Teil des scheinbaren Booms an Land ist also Repowering: Weniger, aber leistungsstärkere Neuanlagen ersetzen den älteren, kleineren Anlagenbestand, was die Bruttozahl nach oben, die tatsächliche Nettokapazität aber deutlich moderater nach oben treibt.
Regional bleibt der Zubau konzentriert: Auf Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein entfallen zusammen fast drei Fünftel der neuen Onshore-Kapazität. Am stärksten fiel der relative Sprung dort aus, wo bislang wenig Kapazität stand: In Mecklenburg-Vorpommern lag die neu installierte Leistung mehr als viermal so hoch wie im Vorjahreszeitraum, in Baden-Württemberg fast dreimal so hoch – allerdings von einer deutlich kleineren Basis aus.
Zusammengenommen zeigen die sieben Monate ein Bild, das komplizierter wäre, als die 53-Prozent-Schlagzeile allein vermuten ließe: einen Offshore-Sektor, der nach Jahren der Stagnation zwei Großprojekte gleichzeitig ans Netz bringt, und einen Onshore-Sektor, dessen scheinbar solides Wachstum zu einem erheblichen Teil aus dem Austausch alter gegen neue Anlagen besteht. Ob damit tatsächlich die Kapazität an den richtigen Standorten geschaffen wird, ist noch nicht beantwortet – dafür entscheidet nicht die Menge des Zubaus, sondern wo genau er stattfindet.


