Was ist eine Monsterwelle?

Eine „nur“ rund 20 Meter hohe Monsterwelle trifft auf einen Öltanker. Foto: NOAA Photo Library

(hp) Seit alters her haben Seeleute von „Kaventsmännern“ erzählt: riesigen, haushohen Wellen, die auf offener See selbst die größten Schiffe überrollen und mit einem Schlag versenken können. Als „Seemannsgarn“ hatten Wissenschaftler Geschichten von solchen „Monsterwellen“ stets abgetan – als Erzählungen, in denen Seeleute eine kleine Portion Wahrheit mit sehr viel Fantasie mischten.

Und so hielt man auch die Berichte von über 30 Meter hohen Wellen für blanke Übertreibung.

Die Meeresforscher waren fest davon überzeugt, dass sich Wellen selbst bei den denkbar stärksten Stürmen niemals höher als fünfzehn Meter auftürmen können. Noch höhere Wellen seien physikalisch nahezu unmöglich, waren die Forscher der Ansicht. Allenfalls alle 10.000 Jahre sollte einmal eine Welle auftauchen, die deutlich höher als 15 Meter sei, hatten Wissenschaftler berechnet.

Von dieser Meinung ließen sich die Wissenschaftler jahrzehntelang nicht abbringen, auch wenn es immer wieder Berichte von Seeleuten über solch gewaltige Wellen gab. Vor allem glaubten die Wissenschaftler diesen Berichten nicht, weil die Seeleute die Höhen solcher Wellen natürlich nicht exakt messen, sondern nur schätzen konnten.

Das blieb so bis zur Nacht des 1. Januars 1995, als ein elektronisches Laser-Messgerät einer norwegischen Bohrinsel während eines Sturms eine Welle von 26 Metern Höhe registrierte. Damit war bewiesen, dass solche Wellenhöhen möglich waren. Und dass sie zudem weitaus häufiger als nur alle 10.000 Jahre vorkommen, bewies im gleichen Jahr ein Vorfall mit dem Kreuzfahrtschiff Queen Elizabeth 2: Gleich drei Wellen mit Höhen von etwa 30 Metern trafen kurz hintereinander auf das Schiff und zerschlugen die Fenster der Kommandobrücke, die 35 Meter über der Wasserlinie lag.

Nun begannen die Wissenschaftler endlich mit der Erforschung und der Suche nach solchen Monsterwellen. Vor allem Stürme sind verantwortlich dafür, dass sich Wellen in solche Höhen auftürmen. Eine weitere Rolle spielen Meeresströmungen und die Meerestiefe. Zudem gibt es Regionen auf den Weltmeeren, in denen solche Wellen viel häufiger als anderswo vorkommen.
Weiter fand man heraus, dass Wellenhöhen von sogar 40 Metern möglich sind. Obendrein sind Monsterwellen sehr viel häufiger als befürchtet: Als man auf Satellitenfotos nach ihnen suchte, fand man in nur drei Wochen zehn Wellen, die 25 Meter und höher waren.

Und die Bohrinsel, die 1995 als erste die Höhe solch einer Welle gemessen hatte, registrierte in den folgenden zwölf Jahren fast 500 weitere solcher Wellen.
Die bisher höchste, genau vermessene Welle registrierte das Forschungsschiff RRS Discovery im Februar 2000 während eines schweren Sturmes vor der Küste Schottlands. Das Schiff hatte ein Gerät zur Aufzeichnung von Meereswellen an Bord. In nur zwölf Stunden wurde es von 24 Wellen getroffen, die höher als 20 Meter waren – die höchste maß 29,10 Meter.

Gefährlich ist eine Mons­terwelle nicht allein ihrer Höhe wegen, sondern vielmehr wegen ihrer steilen Front und hohen Geschwindigkeit. Wie eine riesige Wand aus Wasser rast sie über das Meer. Vor allem große Schiffe haben kaum eine Chance, über die Welle hinweg zu fahren – sie werden stattdessen regelrecht überrollt.

Etwa zehn Schiffe größer als 200 Meter Länge sinken jedes Jahr aus ungeklärter Ursache und verschwinden teils spurlos; oft senden die Besatzungen nicht einmal einen Notruf. Früher nahm man technisches oder menschliches Versagen als Grund für diese ungeklärten Untergänge an.
Heute geht man davon aus, dass es vor allem Monsterwellen sind, die diese Schiffe versenken.